Von Lastenträgern und Schauerleuten

Weser-Kurier vom 12.07.2019
Auf dem Deckblatt des Weser-Kurier-Kalenders ist der Hafenkopf des Überseehafens zu sehen (Foto: Klaus Sander)

Kalender „Arbeitsplatz Hafen“ zeigt Bilder aus Bremen, bevor der Container Einzug hielt

Arbeit im Hafen – viele denken da an schwere körperliche Tätigkeit. Erst als Container als Transportbehälter immer beliebter wurden – die erste Blechbox überhaupt in Europa kam am 5. Mai 1966 in Bremen im Neustädter Hafen an – veränderte sich die Arbeit: Durch den Container als globales Einheitsmaß für den Warentransport wurde beim Be- und Entladen nur noch eine Handvoll Hafenarbeiter pro Schiff benötigt, statt der Heerscharen von Lastenträgern und sogenannten Schauerleuten, die die Lösch- und Ladearbeiten auf dem Schiff erledigten. Genau diesen schwer arbeitenden Hafenarbeiter widmet sich der WESER-KURIER-Kalender 2020 mit historischen Aufnahmen.

Dass das zum Großteil knüppelharte Arbeit in den bremischen Häfen war, bringen die Schwarz-Weiß-Bilder besonders zum Ausdruck. Der Kalender zeigt Aufnahmen von Schauerleuten bei der Entladung von Virgina- Tabak im Überseehafen – die Hafenbecken wurden 1998 für die Überseestadt mit Sand verfüllt –, eine Schwergutverladung mit einem Schwimmkran, das Öffnen der Decksluken eines Schiffes im Europahafen oder wie der sogenannte Küper zum Prüfen der Ware Baumwollproben entnimmt. Der Kalender macht eine einst für Bremen prägende Arbeitswelt wieder lebendig. 1966 gab es in den bremischen Häfen mehr als 7000 registrierte Hafenarbeiter bei einem Umschlag von 17 Millionen Tonnen. Heute sind es knapp 2400 Hafenarbeiter – bei einem Umschlag von jährlich etwa 80 Millionen Tonnen, inklusive der Hafenanlagen in Bremerhaven, die im Laufe der Containerisierung immer mehr in der Seestadt entstanden.

Mit dem Archiv des WESER-KURIER könnten etliche Kalender gefüllt werden. „Es sind alle Bilder rund um die Häfen seit den 1950er-Jahren archiviert“, sagt Anne Block, die zusammen mit Wilfried Brandes-Ebert vom Projekt „Bremer Schiffsmeldungen“ für die Bildauswahl des Kalenders verantwortlich ist. „Es gibt einige Tausend Fotoaufnahmen.“ Die Auswahl der Motive dauere Tage, sagt Anne Block. Das sei aber eine schöne und interessante Arbeit. „Man taucht ab in die damalige personalintensive Hafenwelt – das ist einfach spannend“, sagt Brandes-Ebert.

Mensch wird ganz ersetzt

Die Entwicklung in den Häfen macht keinen halt: Längst geht es um Automatisierung und Digitalisierung. Menschenleere Häfen sind in den nächsten Jahren zwar nicht zu erwarten. Es gibt aber zahlreiche Projekte, die die Arbeit vereinfachen oder zum Ziel haben, den Menschen ganz ersetzen. So wird beispielsweise daran gearbeitet, Container von Robotern entladen zu lassen.

Koordiniert wird das Projekt – abgekürzt heißt es Iris, was für „Interaktives Robotiksystem zur Entleerung von Seecontainern“ steht – vom Bremer Institut für Produktion und Logistik (Biba) an der Universität Bremen. Die weltweit am häufigsten vorkommenden 40-Fuß-Seecontainer haben ein Ladevolumen von etwa 65 Kubikmetern und eine Nutzlast von circa 26 Tonnen. Bei einem Einzelgewicht der Kartons von bis zu 35 kg und einer Menge von bis zu 1800 Kartons pro Container müssen Arbeiter beim Entladen extrem monotone und anstrengende Tätigkeiten ausüben – in einem meist nicht klimatisierten beziehungsweise beheizten Umfeld und über einen langen Zeitraum. Der neue Iris-Roboter wird als selbstfahrendes Vehikel konstruiert, das in den Container rollt und Kartons mit Greifarmen auf ein Förderband transportieren kann. Auch an anderen Hafenstandorten wird daran gearbeitet, Umschlagprozesse durch Automatisierung und Digitalisierung noch effizienter zu gestalten. So gibt es ein Pilotprojekt im Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven, das untersucht, wie sogenannte Portalhubwagen Container fahrerlos im Hafengebiet bewegen können. Normalerweise wird ein solches Gefährt von einem Führerhaus in zehn bis 15 Metern Höhe aus gesteuert – ein Job, für den man jahrelange Erfahrung braucht. Mit „Arbeitsplatz Hafen“ erscheint der dritte Kalender in Folge. Der erste Kalender mit dem Titel „Heimathafen Bremen“ zeigt eine Auswahl der Schiffe, die in den 1950erund 1960er-Jahren die bremischen Häfen anliefen. Im Kalender 2019 „Schiffbau in Bremen – 1954 bis 1979“ stehen die hiesigen Werften im Mittelpunkt. An diesem Sonntag, 14. Juli, beginnt für die Auflage 2020 der Verkaufsstart auf dem Speichermarkt in der Überseestadt am Speicher XI von 11 bis 17 Uhr am Stand des Kulturhauses Walle. Der Kalender, der elf Euro kostet, ist dann ab Montag im Pressehaus, in allen regionalen Zeitungshäusern des WESER-KURIER und im Online-Shop erhältlich. Herausgegeben wird „Arbeitsplatz Hafen“ vom WESER-KURIER mit Unterstützung des Hafenarchivs des Kulturhauses Walle.

Schichtende samt Zollkontrolle

Die Bilder stammen von den Fotografen Klaus Sander, Georg Schmidt, Hans Brockmöller und Karl Edmund Schmidt (Staatsarchiv Bremen). Die Anordnung der Fotografien im Kalender steht für eine Abfolge. Auf dem Deckblatt ist der Hafenkopf zu sehen, von wo aus man einen guten Überblick über das Treiben im Überseehafen hatte. An dem Standort, der am Wochenende auch gerne von Familien als Ausflugsziel genutzt wurde, traf sich auch gerne der eine oder andere Hafenarbeiter und wartete darauf, bis sein „Schiff“ festmachte. Auf dem Dezember-Bild ist das Schichtende samt Zollkontrolle am Tor zu sehen, die Kalendermonate davor zeigen die verschiedenen Arbeiten im Hafen und auch mal die erschöpften Gesichter der Arbeiter bei einer Pause an Bord.

Von Lastenträgern und Schauerleuten Kalender „Arbeitsplatz Hafen“ zeigt Bilder aus Bremen, bevor der Container Einzug hielt. Der WESER-KURIER-Kalender „Arbeitsplatz Hafen“ wird für elf Euro ab 15. Juli im Pressehaus und regionalen Zeitungshäusern verkauft.

(Text: Peter Hanuschke, Weser-Kurier)