Mir ging es immer um die Sache

THB vom 01.06.2018
MS „BREMER HANDEL“ (Foto: Gerd Monsees)

Gerd Monsees berichtet über seine Ausbildung bei der Reederei Bruno Bischoff vor mehr als 50 Jahren.

Anfang 2018 hat Gerd Monsees die zweite, überarbeitete Auflage seiner Chronik der Reederei Bruno Bischoff veröffentlicht. Im THB berichtet er jetzt über seine Ausbildung als Schifffahrtskaufmann, wie man heute sagen würde.

Nun ist es über 50 Jahre her, als ich 1966 meine Lehrzeit bei der Firma Nicolaus Haye & Co zum „Kaufmann im Reederei- und Schiffsmaklergewerbe“ begann. In einer Zeit ohne Smartphone, ohne Internet und ohne PC. Von der Firma Bischoff war ich sofort angetan. Denn dort gab es eine Reederei, eine Schiffsmaklerfirma, eine Stauereigesellschaft und ein eigenes Umschlagsterminal. Und die Aussichten, in den Ferien mit den Schiffen nach Schweden oder Norwegen mitfahren zu können, auf Firmenkosten den Führerschein machen zu dürfen und Prämien bei guten Noten in den Berufsschulzeugnissen zu erhalten.

Erste Abteilung war die AfrikaFahrt. Nicolaus Haye & Co war Agent für die Woermann Linie und die dazugehörigen Konferenzlinien. Es gab am Anfang einfache Arbeit, nämlich Ablage. Dadurch konnte ich sämtliche Frachtdokumente kennenlernen, wie Konnossemente,Manifeste, Anlieferscheine, Absetzanträge und so weiter. Das hat mir später sehr geholfen. Wir bekamen im ersten Lehrjahr 130, im zweiten 150
und im dritten 180 D-Markt ausgezahlt. Von meinem ersten Geld habe ich mir die Langspielplatte „Freddy auf hoher See“ gekauft.

Meine zweite Station war die Stauereiabteilung im Europahafen. Hier lernte ich viel über die Hafenarbeiter, die Stauerei-Inspektoren, die Arbeitszeiten und die Löhne. Gleich im ersten Lehrjahr durfte ich im Sommerurlaub mit der „Bremer Kueper“ eine Reise nach Dänemark und Schweden machen.

Dritte Abteilung die Brasilien-Fahrt. Lloyd Brasileiro, Alianca und Harnburg Süd waren die von Nicolaus Haye & Co vertretenen Reedereien. Hier wurden Konnossemente gestempelt und man wusste schnell, welche Stempel auf Originale und welche auf Kopien müssen.

Vierte Stelle war die Durchfrachtabteilung, eine Spezialität der Bischoff Reederei. Die Firma bot den Abladern in Skandinavien, England und Irland ein „Durchkonossement“ an, also ein B/L für die gesamte Strecke. Dabei wickelte sie für den Kunden den gesamten Transport ab, zum Beispiel den Vortransport von Oslo, den Umschlag in Bremen sowie den Haupttransport nach Port Kelang. Bei größeren Partien konnte der Umschlag in Bremen durch die Bischoffeigenen Umschlagskähne abgewickelt werden.

Im dritten Lehrjahr ging es in die Skandinavien-Abteilung. Hier legte ich den Grundstein für meine spätere Tätigkeit. Von dort aus wurden die Schiffe auf Reisen geschickt, Ladung akquiriert, Agenten kontaktiert, mit Kapitänen telefoniert. Die Ladungsmanifeste wurden in A3 Format auf Matrizen geschrieben und dann auf einer Ormig-Maschine vervielfältigt. Das heißt, sie wurden mittels Drehkurbel durch eine Druckflüssigkeit gedreht. Es war klar, dass man sich nicht verschreiben sollte, denn das Korrigieren auf der Matrize war schwierig. Immerhin hatte Bischoff schon
zu dieser Zeit eine EDV, mit der für die ausgehende Fahrt Manifeste und Konnossemente sowie Frachtrechnungen gedruckt werden konnten.

Die Lehrlinge mussten aber auch Hafenwege machen, zweimal am Tag per Fahrrad. Vom Büro in der Innenstadt zuerst zur Stauereiabteilung, dann zu nahezu sämtlichen Hafenschuppen im Europahafen, danach zum Überseehafen zur BLG-Verwaltung sowie zum Holz- und Fabrikenhafen. Überall Auf- oder Absetzanträge, Ladelisten, Ladungsmanifeste oder Zoll-Unterlagen abgeben. Natürlich nahm ich stets die Gelegenheit wahr, unsere Schiffe in Augenschein zu nehmen und zu beobachten, was dort gelöscht und geladen wird. Mir hat das einen Riesenspaß gemacht, wusste ich fortan doch bestens im Hafen Bescheid.

Nach der bestandenen Prüfung fragte mich Herr Bischoff, was ich verdienen wolle als Angestellter. Ich schlug ihm 750 D-Mark vor. Herr Bischoff ließ den Personalchef kommen und sagte: Im Vertrag mit Gerd sollen 900 D-Mark als Anfangsgehalt stehen. Da habe ich mich gefreut! Nach 18 Monaten Bundeswehr wurde ich am 1. Juli 1971 wieder in der Skandinavien-Abteilung eingestellt. Dort kam ich in die einkommende Abteilung. Die Schiffe kamen aus Skandinavien oder den Staaten der Sowjetunion nach Bremen. Zellulose und Papier waren die Hauptprodukte aus Norwegen und Schweden. Aus Klaipeda kamen tausende Tonnen Asbest. Kein Mensch wusste damals von der Gefahr, die von dem Baustoff ausging. Im Sommerurlaub durfte ich mein Auto auf der „Bremer Saturn“ mit nach Norwegen mitnehmen. Ich bekam auch die Gelegenheit, norwegisch zu lernen, was später bei der norwegischen Kundschaft gut ankam. Ich war danach oft in Norwegen und Schweden und habe Kontakte aufgebaut, die zum Teil noch heute Bestand haben.

Die Bruno Bischoff Reederei ist nur ein kleines Licht im Vergleich zu den großen Reedereien. Aber wenn unsere kleinen Schiffe in Vegesack und Farge vorbeifuhren, war das ein Schauspiel. Überhaupt war es das Bestreben, die Ladungen auf Bremen zu ziehen, so dass man die Schiffe oft hier hatte. Es wurden große Kontrakte abgeschlossen mit Ladungen über die unternehmenseigene Umschlags- und Lageranlage. Ich habe immer gern gearbeitet, auch viel und lange. Mir ging es dabei immer um die Sache.

Nach der Insolvenz der Bischoff-Gruppe 1999 habe ich noch 13 Jahre bei Samskip gearbeitet, die im Jahr 2000 die restlichen Aktivitäten von Bischoff übernahm. Aus Liebe zur Reederei und aufgrund der Tatsache, dass es sonst keinerlei Erinnerungen an das Unternehmen geben würde, habe ich meine Chronik niedergeschrieben. Viele sind beim Lesen immer wieder erstaunt, woher ich alles wusste und wie ich an die Bilder gekommen bin. Tja, ich war der Einzige, der sich nach der Insolvenz um die im Aktenkeller befindlichen Unterlagen zur Reedereigeschichte, Statistiken, Fotos und so weiter gekümmert hat – bevor diese im Reißwolf enden.

von Gerd Monsees
Autor und Schifffahrtskaufmann