Kapitäne und Schiffe: „Herzogin Cecilie“ als Namensgeber

Weser-Kurier vom 03.05.2018
Die „Herzogin Cecilie“ als Namensgeber: ein Gemälde des Viermasters vom Worpsweder Maler Ernst Menzel. (Foto: Albrecht-Joachim Bahr)

Bei der Frage nach der Birkenfelsstraße oder der Spreesteinstraße werden vermutlich auch viele ortskundige Waller noch ins Grübeln kommen. Wie die Straßen in der Überseestadt zu ihren Namen kamen.

Bei der Frage nach der Birkenfelsstraße oder der Spreesteinstraße werden vermutlich auch viele ortskundige Waller noch ins Grübeln kommen. Vor einigen Tagen traf sich im Hafencasino am Waller Stieg eine Gruppe gestandener Herren, die nicht nur genau wissen, wo sich diese Straßen befinden – sondern auch, wie sie und ihre Nachbarn zu ihren Namen kamen. Die Rede ist vom Straßennachwuchs in der Überseestadt, und jeder dieser Herren könnten darüber ein Buch schreiben.

Taufpate der Straßen war der Waller Beirat, und die Idee dazu ist inzwischen mehr als ein Jahrzehnt alt, erzählt Wolfgang Golinski. „Die Benennung neuer Straßen ist in Bremen Königsrecht der Stadtteilparlamente, und für uns war klar, dass die neuen Namen in der Überseestadt einen maritimen Charakter haben sollten“, erklärt der Waller Beiratssprecher. Für ihn persönlich eine Herzenssache: „Ich stand schon als kleiner Junge an der Weser und habe mit meinem Vater Schiffe geguckt.“ Die Waller stellten eine Liste an Vorschlägen zusammen, die anschließend von den Historikern des Staatsarchivs auf Herz und Nieren geprüft und für gut befunden wurden. Einen engagierten Fürsprecher hatten sie im damaligen CDU-Bürgerschaftsmitglied Karl-Uwe Oppermann gefunden – vor seiner politischen Karriere selbst Kapitän auf großer Fahrt. Im Februar 2008 gab der Senat grünes Licht für die Namenskandidaten.

Kapitäne auf Lloyd-Flaggschiffen

Der Kommodore-Johnsen-Boulevard und die Kommodore-Ziegenbein-Allee erinnern an zwei in ihrer Ära angesehene und weltweit bekannte Seemänner, die mit den Flaggschiffen des Norddeutschen Lloyd über den Atlantik fuhren. Nicolaus Johnsen (1869-1932) hatte sich vom kleinen Schiffsjungen zu einem der berühmtesten Kapitäne seiner Zeit heraufgearbeitet. Er war Kapitän des Überseedampfers „Columbus“, und führte am 19. März 1930 erstmals die „Europa“ von Bremerhaven nach New York. Die Jungfernfahrt des Bremer Turbinendampfers war mit vier Tagen, 16 Stunden und 48 Minuten die bis dato schnellste Transatlantiküberquerung eines Passagierschiffes und wurde dafür mit dem begehrten „Blauen Band“ ausgezeichnet. Leopold Ziegenbein (1874-1950) war von 1929 bis 1936 Kapitän der „Bremen“, und hatte mit der Jungfernfahrt des damals größten und luxuriösesten Passagierdampfers der deutschen Handelsflotte ebenfalls das Blaue Band errungen. 1936 trat Ziegenbein in den vorzeitigen Ruhestand und zog nach Bremerhaven. „Es heißt, weil er nicht auf einer Linie mit den Nationalsozialisten stand“, erklärt Dieter Palkies, der selbst jahrelang als zweiter Offizier auf Schiffen des Norddeutschen Lloyd die Weltmeere befuhr.

Die Herzogin-Cecilie-Allee, die vom Überseepark Richtung Wendebecken führt, ist nur in zweiter Linie eine Hommage an Herzogin Cecilie von Mecklenburg-Schwerin, die 1905 Schwiegertochter des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II wurde. Namenspatin des ersten und bislang einzigen weiblichen Namens unter den Überseestadtstraßen ist vielmehr eine andere gefeierte Schönheit: Die weltberühmte Viermastbark, die der Norddeutsche Lloyd nach der seefahrtaffinen Aristokratin benannt hatte. „Die „Herzogin Cecilie“ war das schönste und schnellste Segelschulschiff seiner Zeit“, erklärt Palkies. „Sie war das einzige Segelschiff, das der Norddeutsche Lloyd je bauen ließ, und dafür gedacht, ein Elite-Offizierskorps auszubilden.“ Die prachtvolle „Herzogin“ lief 1902 vom Stapel der Rickmers-Werft in Geestemünde. 1936 strandete sie in dichtem Nebel und rauer See vor der englischen Südküste.

Das war vor allem ein großes Pech für den finnischen Reeder Gustaf Erikson, nach dem das Uferstück am westlichen Rand der Überseestadt benannt wurde. Erikson (1872-1947) hatte im Alter von nur zehn Jahren als Küchenhelfer und Kabinenjunge auf einem Segelschiff angeheuert und arbeitete sich bis zum Kapitän herauf. 1913 ging er in der finnischen Hafenstadt Mariehamn an Land und kaufte sich nach und nach eine Flotte zusammen. Im Jahr 1921 erwarb Erikson die „Herzogin Cecilie“ für den Schnäppchenpreis von 20 000 Dollar vom französischen Staat, der den Großsegler nach dem Ersten Weltkrieg als Reparationsleistung erhalten hatte. In den 1930er-Jahren war der Reeder auch zeitweise Besitzer der Schiffslegenden „Pamir“ und „Passat“.

Die Straßen im Karree zwischen Überseepromenade und Kommodore-Johnsen-Boulevard wurden nach Schiffen zweier Bremer Reedereien von Weltrang benannt. Schwabenstein, Friesenstein, Spreestein, Hessenstein und Sachsenstein waren Frachtschiffe des Norddeutschen Lloyd. Hans-Peter Kreutziger fuhr 1962 auf der Schwabenstein, die neben Stückgut auch gut situierte Passagiere an Bord hatte. „Darunter waren auch viele Engländer, die Richtung Indien oder Burma reisten“, erzählt der Lesumer. Als „Promenadendecksgast“ hatte der 19-jährige Leichtmatrose die Aufgabe, die Passagierdecks sauber und in Ordnung zu halten. „Für die Passagiere war es damals wirklich toll. Sie wurden nach Strich und Faden verwöhnt“, erinnert sich der 74-Jährige, der später sein Kapitänspatent machte.

Elefanten aus Kalkutta

Drachenfels, Ehrenfels, Gutenfels und Birkenfels hießen Frachtschiffe der Deutschen Dampfschifffahrtsgesellschaft (DDG) Hansa. „Auf der „Ehrenfels“ kannte ich jede Schraube“, erzählt Heinz-Dieter Ahlers. Im Alter von 19 Jahren hatte er 1952 als Ingenieurs-Assistent bei der DDG Hansa angeheuert, und war anschließend ein knappes Jahrzehnt lang auf sechs verschiedenen Schiffen der Reederei unterwegs. Die Reisen führten nach Südostasien und an die afrikanische Küste und dauerten manchmal bis zu acht Monate, erzählt der heute 85-jährige Huchtinger.

Die DDG Hansa, gegründet 1881, galt als weltgrößte Schwergutreederei. Zu ihren schwersten Frachten gehörten die drei wilden Elefanten, die 1953 am Hafen von Kalkutta auf die „Drachenfels“ gehievt wurden. Solche Passagiere waren auch für die erfahrenen Seebären etwas ganz Besonderes, berichtet Ahlers: Die Besatzung kümmerte sich liebevoll um die Tiere, die von den Zoos in Antwerpen und Hamburg bestellt worden waren. Die DDG Hansa galt als geiziger Arbeitgeber, erklärt Ahlers, der später eine leitende Funktion bei der Bremer Kriminalpolizei innehatte. Doch das sei nur üble Nachrede der Konkurrenz gewesen: „In Wirklichkeit war es ganz anders. Wir wurden sehr gut betreut, bekamen gutes Essen, und wurden sogar von Kopf bis Fuß mit Tropenkleidung ausgestattet.“

Die nächsten Straßennamen der Überseestadt sind bereits vergeben. Im Europaquartier, das ab 2019 rund um den Schuppen 3 gebaut werden soll, werden sie an berühmte Europapolitiker erinnern. Und obwohl die Bebauung des Kellogg-Geländes noch keine konkreten Formen angenommen hat, haben sich die Waller Beiratsmitglieder schon längst auch darüber Gedanken gemacht, erzählt Wolfgang Golinski. Sie wünschen sich, dass die neuen Straßen alte Hafenberufe wie Küper, Tallymann oder Stauer auf dem Bremer Stadtplan verewigen.

(Text: Anke Velten, Weser-Kurier)