Gerettete Erinnerungen

Weser-Kurier vom 21.11.2016
Detektive in Sachen Schiffsmeldungen. (Foto: Walter Gerbracht)
Detektive in Sachen Schiffsmeldungen. (Foto: Walter Gerbracht)

Gerd Monsees hat die Geschichte der Reederei Bruno Bischoff niedergeschrieben

Wenn die Männer vom Hafenarchiv ihren Jahresausflug machen, dann geht es selbstverständlich in den Hafen. Denn dort gibt es selbst für alte Hafen-Hasen immer noch etwas Neues zu entdecken. Und antreffen kann man sie anschließend in einem echten Hafen-Original: In der Anbiethalle, die vor einigen Monaten in der ehemaligen Bahnmeisterei einen neuen Standort gefunden hat. Mit dem ambitionierten Projekt „Schiffsmeldungen“ geht es fleißig voran, berichteten die Gäste aus dem Hafen-Archiv. Und einer der Ihren hatte gerade ein wahres Mammutwerk vollendet. Gerd Monsees hat jetzt seine Chronik der Reederei Bruno Bischoff vorgelegt.
Bremer Speckflaggen-Rot ist der Einband des gewichtigen Buches, das in der Druckerei Bronger in der Neustadt seine Form bekam. Es ist die erste und umfassende Geschichte der Reederei, die 1954 gegründet wurde, in den 1990er Jahren in schweres Fahrwasser geriet und zum Ende des vergangenen Jahrtausends in die Insolvenz ging. Das ist die Kurzfassung. Für Gerd Monsees, der im Jahr 1966 als Sechzehnjähriger seine Lehre als Schifffahrtskaufmann bei Bruno Bischoff begann und bis zum Ende blieb, ist es viel mehr als das. Es ist die Geschichte „einer tollen Firma, die trotz der Größe immer familiären Charakter hatte und daher unvergessen bleiben wird“, schreibt der Autor, der in Schwachhausen lebt.
Monsees erinnert sich, wie er schon als kleiner Junge an der Weser stand und die Bischoff-Schiffe bewunderte. „Die kamen immer im Konvoi, und das war ein Bild, auf das ich mich jedes Mal freute.“

Gerd Monsees
Gerd Monsees (Foto: Roland Scheitz)

Reeder Bruno Bischoff sei ein hanseatischer Kaufmann gewesen, wie er im Buche stand: „Ein Mann, bei dem der Handschlag etwas galt.“ Die alten Fotos zeigen einen meist freundlich lächelnden Herrn mit Schiebermütze und gemütlicher Statur. Doch der Chef war vor allem ein zielstrebiger Unternehmer, der sich durchaus auch hartnäckig mit dem Senat anlegen konnte, wenn es um die Interessen seiner Firma ging, betont sein ehemaliger Mitarbeiter. 1962 bezog die Reederei ein großes neues Kontorhaus an der Neuenstraße 16-20, das 2014 abgerissen wurde.
Bischoffs Schiffe trugen nicht nur ganz stolz und selbstverständlich die Bremer Speckflagge. Die „Bremer Saturn“, die „Bremer Mercur“, „Bremer Roland“, „Bremer Wappen“ und wie sie alle hießen – sie trugen auch den Namen der Heimatstadt in die Welt. Genauer: Vor allem nach Skandinavien, denn auf diese Handelsbeziehung hatte sich die Reederei spezialisiert. Die Bischoff-Schiffe lieferten Volkswagen nach Dänemark, Schweden und Norwegen, später vor allem Stahl. Zurück kamen sie meist mit Zellulose, Papier oder Holz aus den nordischen Wäldern.

Monsees erzählt die Chronik der Reederei ausführlich auf fast 500 Seiten. Er beginnt bei der Firma Nicolaus Haye & Co, die 1899 in Bremerhaven gegründet wurde, und zur Vorfahrin wurde, weil Bruno Bischoff 1927 die Haye-Tochter ehelichte, dann Teilhaber und schließlich Nachfolger des Schwiegervaters wurde. Sie endet mit den Firmen, die aus der abgewickelten Reederei hervorgingen. Interessierte können die wechselvolle Unternehmensgeschichte Jahr für Jahr nachverfolgen und werden dazu zahllose nie zuvor veröffentlichte Fotos finden.

Unvergesslich, sagt Gerd Monsees: Dabei wäre ein maßgeblicher Teil dieser Bremer maritimen Historie um ein Haar verloren gegangen, wäre er nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen. 1999, kurz nach dem Ende der Firma, hatte ihn der Hausmeister des Kontorhauses auf die Kartons im Keller hingewiesen, die entsorgt werden sollten – die gesamte Vergangenheit in Geschäftsberichten, Firmenbroschüren, Statistiken und Schiffslisten. Monsees rettete die Kisten und trug seine persönlichen Erinnerungen, Reiseerlebnisse, Anekdoten und viele Fotos aus seinem eigenen großen Fundus bei. Fünf Jahre habe es gedauert, bis aus dem umfangreichen Material das einzige Erinnerungsbuch an die Bremer Bruno Bischoff Reederei geworden ist, erzählt Gerd Monsees.

Hans-Jürgen Schreiber, Chef der Anbiethalle. (Foto: Gerbracht)
Hans-Jürgen Schreiber, Chef der Anbiethalle. (Foto: Gerbracht)

Die systematische Aufarbeitung der Vergangenheit – das ist auch die Mission der neun Männer, die seit gut drei Jahren in ihrer Freizeit im Hafenmuseum Speicher XI am „Schiffsmeldungen“-Projekt arbeiten – alle ehrenamtlich, versteht sich. Sie haben sich vorgenommen, sämtliche der vielen tausend Schiffe, die zwischen 1945 und 1990 in Bremen ankamen, übersichtlich und im Detail zu registrieren: Wie sie hießen, woher sie kamen, was sie brachten und wohin ihre Reise weiterging.

Die Daten ihrer Quellenforschung aus alten Schuppenbüchern, Schiffsregistern und -meldelisten werden digitalisiert und sollen schließlich – idealerweise mit den passenden Fotos – den Museumsbesuchern zugänglich gemacht werden. Es ist eine schier unvorstellbar knifflige Detektivarbeit, die bundesweit ohne Vorbild ist. Doch „der Apparat läuft“, berichtete Wilfried Brandes-Ebert.

Das heißt: Wenn alles so flott weitergeht, können die Museumsbesucher im kommenden Jahr den ersten Teil der Schiffsmeldungen im Hafenmuseum sehen.

(Text: Anke Velten, Weser-Kurier)