Ein Schatz auf Papier

Weser-Kurier vom 02.09.2019
Hafenfotograf Hans Brockmöller

Hafenarchivare kümmern sich seit zwei Jahren um das Erbe des Bremer Industriefotografen Hans Brockmöller

Vier Männer aus dem Hafenarchiv sichten, ordnen, analysieren und katalogisieren seit zwei Jahren Tausende von Fotos, damit die Nachwelt versteht, was sie darauf sieht. 25 Jahre lang war der Hafen das Element des Bremer Industriefotografen Hans Brockmöller. Vierzig Jahre nach seinem Tod gelangte sein fotografisches Erbe ins Geschichtskontor des Kulturhauses Walle. Dass es sich um einen unbezahlbaren Schatz handelt, „das kann man wohl laut sagen“, schwärmt Gerd Monsees.

Die Fotos sind in den Jahren zwischen 1951 und 1977 entstanden. Die rund 3000 Schwarz- Weiß-Aufnahmen und mindestens genau so viele Negative sind Denkmäler einer Zeit, an die in der heutigen Überseestadt fast nichts mehr erinnert. Eines davon zeigt Hans Brockmöller selbst, wie man ihn im Hafen gut kannte: Ein freundlicher Herr in Anzug und Krawatte, mit weichen Gesichtszügen, verschmitztem Blick und gewinnendem Lächeln. „Der durfte überall hin“, erklärt Gerd Monsees. Brockmöller war nicht der einzige Hafenfotograf seiner Zeit – doch in der Riege seiner Kollegen galt er als der „Artist“: Für die besten Perspektiven kletterte er auf Schuppendächer, in den Topp von Schwimm- und Ladekränen. So fotografierte er das Verladen einer Lokomotive, das Treiben auf dem Weserbahnhof, oder den Blick in einen Schiffschornstein aus der Vogelperspektive. Man darf sich den Charme vorstellen, mit dem er sich Zugang in Bereiche verschaffte, die anderen Außenstehenden verschlossen blieben. Das Geheimnis seiner brillanten Fotos seien die vielen freundschaftlichen Kontakte, die er sich im Hafen geschaffen hatte, bestätigt ein Nachruf, der nach Brockmöllers Tod erschien. „Jeder Kranführer kannte ihn und drehte auch mal zurück, wenn es galt, das Umschlagsgut noch besser vor die Linse zu bekommen.“ Die Würdigung des langjährigen Mitarbeiters, der sich „mit Leib und Seele dem Hafen verschrieben“ hatte, wurde im Mai 1977 in einer Ausgabe der Monatszeitschrift „Weserlotse“ veröffentlicht.

Die Redaktion des Blattes der Bremer Hafenwirtschaft war Hauptabnehmer der Brockmöller- Fotos. Doch auch in den Bremer Tageszeitungen erschienen viele seiner Aufnahmen. „Es sind Fotos von einer Qualität, wie man sie nur ganz selten findet“, sagt Wilfried Brandes. Durch einen glücklichen Zufall habe er vom Schatz im Keller des Neustädter Privathauses erfahren, erzählt Brandes. Er nahm Kontakt zu den Hinterbliebenen auf, und überzeugte sie, dem Waller Geschichtskontor zu gestatten, die Fotos zu archivieren und öffentlich zugänglich zu machen.

Engagieren sich mit ihrer geduldigen Detektivarbeit: Wilfried Brandes (von links), Gunnar Dörwald, Gerd Monsees vom Hafenarchiv. (Foto: Roland Scheitz)

Das Hafenarchiv ist die maritime Spezialsammlung des Brodelpott- Geschichtskontors. In Räumen im Hafenmuseum Speicher XI arbeiten ehrenamtlich Menschen, die den Hafen noch selbst erlebt haben – ehemalige Kapitäne, Kaufleute, Hafenbeamte und -arbeiter. Mit dem Brockmöller-Archiv hatten sie sich eine Mammutaufgabe vorgenommen: Vor ihnen lagen acht große Fotoboxen, randvoll mit großformatigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, sorgfältig einzeln in halbtransparente Schutzhüllen verpackt. Beschriftet waren sie mit Tag, Monat und Jahr ihrer Entstehung. Doch ihre Orte, Szenen, Aktionen zu interpretieren, sie nach Themenbereichen zu ordnen, bevor sie digitalisiert und für künftige Recherchen aufgearbeitet werden können – das war nun die Detektivarbeit der Hafenarchivare.

In Geduld und Hartnäckigkeit sind sie geübt. Seit guten sechs Jahren arbeiten sie an dem Projekt „Schiffsmeldungen“. Das Bremer „Schiffs-Google“ mit Fotos, Daten und Biografien sämtlicher Frachtschiffe bremischer Reedereien, die zwischen 1945 und 1990 in Bremen ankamen, soll in wenigen Wochen in Betrieb gehen, berichtet Gunnar Dörwald. Über eine „Medienbox“ kann im Hafenarchiv dann zum Beispiel nachgelesen werden, das die „Nabob“ in den USA gebaut wurde, im zweiten Weltkrieg halb fertig als Hilfsflugzeugträger unter englischer Flagge fuhr, nach Kriegsende nach Holland verkauft wurde und in den 1950er Jahren für die Roland-Linie unter anderem Blindenhunde transportierte. Systematisch geordnet nach Themenbereichen werden die Brockmöller-Fotos im digitalen Archiv des Geschichtskontors aufbewahrt und auf Anfrage zugänglich gemacht. In Kooperation mit dem Hafenmuseum planen die Waller Lokalhistoriker auch eine Ausstellung, die sich allein dem fotografischen Nachlass von Hans Brockmöller widmet, und in zwei Jahren eröffnet werden soll. Die Männer aus dem Hafenarchiv stellt dieser Auftrag vor eine weitere schwierige Aufgabe, gesteht Gerd Monsees: „Es sind so viele spektakuläre Fotos. Sich für eine Auswahl der Schönsten zu entscheiden, ist fast unmöglich.“

Wer Fotos oder Dokumente aus Bremens maritimer Geschichte besitzt, die für das Hafenarchiv interessant sein könnten, ist willkommen, im Hafenmuseum Speicher XI vorbei zu schauen. Das Archiv ist dienstags, donnerstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr besetzt. Termine können außerhalb der Öffnungszeiten vereinbart werden. Das Hafenarchiv ist erreichbar per E-Mail an hafenarchiv@ brodelpott.de oder unter Telefon 800 55 44.

(Text: Anke Velten, Weser-Kurier)