Bilder zeugen vom Auf und Ab der Werft

Weser-Kurier vom 27.11.2017
Heinz Scheel (Mitte) übergab Angela Piplak und Bodo Wenz vom Hafenarchiv Erinnerungsstücke aus seiner Arbeitszeit bei der AG Weser von 1950 bis zur Werftschließung 1983. (Foto: Roland Scheitz)

Sie sehen nur aus wie zwei unscheinbare, etwas altmodische Fotoalben. In Wirklichkeit sind sie ein Schatz. Heinz Scheel schenkt dem Hafenarchiv seine Erinnerungen aus 33 Schiffbauer-Jahren bei der AG Weser.

In der vergangenen Woche übergab Heinz Scheel aus der Neustadt dem Hafenarchiv Erinnerungsstücke aus seiner Arbeitszeit bei der AG Weser. Für Angela Piplak, die schon vorher in den Alben blättern durfte, stecken sie voller aufregender und wertvoller Entdeckungen. Denn sie enthalten genau das, was das Geschichtskontor im Kulturhaus Walle besonders gerne sieht.

Zum Beispiel das Schwarz-Weiß-Foto des jungen Mannes mit dem konzentrierten Gesichtsausdruck und der ordentlichen Seitenscheitelfrisur, der auf Knien auf dem Hallenboden rutscht. Die Aufnahme aus dem Jahr 1954 zeigt den frisch gebackenen Schiffbauergesellen Heinz Scheel bei seiner Arbeit. Zeitlich umspannen die Alben die 33 Jahre, in denen Heinz Scheel für die AG Weser arbeitete – von seinem ersten Lehrtag am 1. April 1950 bis zum Untergang der Werft, der auf einen Schlag Tausende arbeitslos machte. „Bis zum bitteren Ende“, sagt der heute 82-Jährige. Besonders interessant seien dabei die Bilder der frühen Jahre, erklärt die Leiterin des Brodelpott-Geschichtskontors. „Wir bekommen immer ganz viele technische Aufnahmen oder Fotos von besonderen Ereignissen.  Schnappschüsse, die Menschen in ihrem Arbeitsalltag am Hafen zeigen, sind dagegen echte Raritäten.“

Im Hafenarchiv fand Heinz Scheel nicht nur begeisterte Rezipienten für seine Erinnerungsstücke, sondern auch Kenner der Materie. Mit Bodo Wenz und Wilfried Brandes-Ebert fachsimpelte er über seine Zeit auf dem Schnürboden, über Schotten, Spanten, aufgeschlippte Schuten und allerlei andere Begriffe aus der Hafenwelt, für die der uneingeweihte Laie ein Fachwörterbuch zu Rate ziehen müsste, und die bei seinen Gesprächspartnern größte Begeisterung auslösten. Wie seinerzeit Schiffe gebaut wurden, das sei „der Wahnsinn“, lautete das respektvolle Urteil von Bodo Wenz.

Arbeitsplatz des Schiffbauerlehrlings war der besagte Schnürboden, eine 120 mal 34 Meter große Hallenfläche, die – laienhaft ausgedrückt – als riesiges Schnittmuster für die Einzelteile fungierte, aus denen später Schiffe zusammengebaut wurden. Auf den Hallenboden wurden nach Vorgabe der Konstrukteure millimetergenau die Werkstücke in ihrer Originalgröße aufgezeichnet. Danach fertigten die Schiffbauer anhand der Zeichnungen Schablonen aus schwedischem Douglasienholz, die wiederum als Vorlagen für die Stahlbauer dienten. Um Boden und Zeichnungen zu schonen, trugen die Kollegen auf dem Schnürboden weiches Schuhwerk. „Wir waren die Schiffbauer mit den Filzlatschen“, erklärt Heinz Scheel, und erzählt, dass in den Nachkriegsjahren einmal eine großzügige Spende an 50 originalen Filzstiefeln der US Navy eintraf.

Am 1. April 1950 hatte der gebürtige Findorffer, dessen Elternhaus an der Augsburger Straße steht, seine Lehrzeit als Schiffbauer begonnen – gegen den Willen des Vaters, der selbst auf der Werft arbeitete, wie schon sein eigener Vater vor ihm. Als er erfuhr, dass der Junior auch angenommen wurde, „da war Holland in Not“, erinnert sich Scheel, der heute in der Neustadt lebt. „Mein Vater wollte auf keinen Fall, dass sein Junge bei Wind und Wetter im Freien schuftete. Er kannte das ja.“ Dass der Sohn auf dem sauberen und trockenen Schnürboden landen sollte, wird für den Vater ein Trost gewesen sein. Dem 15-jährigen Sohn passte die Aussicht weniger. „Dort gab es nur eine Glastür zum Büro des Meisters. Das hieß: Der hatte Sie immer im Blick!“, erklärt er. Im Nachhinein habe sich die Lehrzeit als Glücksfall erwiesen, sagt Scheel. „Wir hatten Meister, bei denen man wirklich viel lernte“. Die Arbeit auf dem Schnürboden erforderte neben der handwerklichen Präzision vor allem ein besonderes räumliches Vorstellungsvermögen, erklärt er. „In der Berufsschule sagte man immer: Von hundert Schiffbauerlehrlingen hat nur einer das Talent, dreidimensional zu denken.“

Heinz Scheel begann bei der AG Weser, noch bevor die Deutschen die Erlaubnis wiedererlangt hatten, Schiffe zu bauen. „In der Anfangszeit konstruierten wir Fabriktore, Eisenbahnschienen und Eisenfenster“, erzählt er. Er hat miterlebt, wie die Bremer Werft Fahrt aufnahm und Arbeit für mehr als 5000 Menschen hatte, wie mit den ersten Lochkarten das Computerzeitalter anbrach und sich die Traditionswerft für die Zukunft rüstete. Und er hat wie seine Kollegen die Einladung zur Betriebsversammlung bekommen, bei der der damalige Bremer Bürgermeister Hans Koschnick verkünden musste, dass die Werft nicht mehr zu retten war. „Es gab immer wieder Kurzarbeit, und wir sahen, dass die Aufträge ausblieben und unsere fertigen Schiffe wegen der Ölkrise herumstanden“, erklärt Heinz Scheel. „Aber dass die Werft dichtmachen sollte, das war ein Schlag ins Büro.“

Das Hafenarchiv ist eine Dependance des Waller Geschichtskontors. In den Räumen im Hafenmuseum Speicher XI werden alle Fotos, Dokumente und Bücher verwahrt und aufbereitet, die der Brodelpott zur Bremer Hafengeschichte gesammelt hat. Die Fotoalben sind nicht das einzige Geschenk, das Heinz Scheel mitgebracht hatte. Im Gepäck hatte er auch seine ehemaligen Arbeitsmaterialien: Fachbücher, Stechlupen, die TK-Stifte in den unterschiedlichen Stärken und den Kasten mit den wie frisch polierten Präzisionszirkeln, denen man ansieht, wie sorgfältig sie gepflegt wurden. „Die kosteten früher fast einen Monatslohn“, erklärt Scheel.

Noch mehr interessierte Angela Piplak aber das außergewöhnliche Erinnerungsvermögen des ehemaligen Schiffbauers. Demnächst werde sie ihn mit Mikrofon und Aufnahmegerät besuchen, kündigte die Waller Lokalhistorikerin an. Seine Geschichten aus der Vergangenheit der AG Weser sollen für das digitale Heimatmuseum erhalten werden.

(Text: Anke Velten, Weser-Kurier)